Winkelfehlsichtigkeit – wenn Sehen anstrengend wird
Gutes Sehen ist das Ergebnis des präzisen Zusammenspiels beider Augen. Jedes Auge liefert dem Gehirn ein eigenes Bild. Damit daraus ein klares, stabiles und räumliches Sehen entsteht, müssen beide Augen gut aufeinander abgestimmt arbeiten.
Bei einer Winkelfehlsichtigkeit weichen die Blickrichtungen beider Augen voneinander ab. Das visuelle System gleicht dies durch die koordinierte Steuerung der Augenmuskeln sowie durch die sensorische Zusammenführung beider Netzhautbilder im Gehirn aus.
Je präziser und stabiler diese beidäugige Koordination gelingt, desto besser sind die Voraussetzungen für eine gut ausgeprägte Stereopsis, also das räumliche Tiefensehen.
Wenn die Aufrechterhaltung dieser Koordination jedoch dauerhaft einen erhöhten Kompensationsaufwand erfordert, kann das Sehen anstrengend werden – selbst wenn die Sehschärfe jedes einzelnen Auges gut ist.

Typische Auffälligkeiten sollten ernst genommen werden.
Besonders bei intensiver Naharbeit zeigt sich, wie gut beide Augen tatsächlich zusammenarbeiten. Bildschirm, Smartphone, Lesen und konzentriertes Arbeiten stellen hohe Anforderungen an unser Sehsystem.
Muss dabei zusätzlich eine Winkelfehlsichtigkeit kompensiert werden, können folgende Beschwerden und Auffälligkeiten entstehen:
Weicht die Blickrichtung des Begleitauges nach innen ab, spricht man von einer „Esophorie“. Typische Auffälligkeiten sind:
• Das Sicca-Syndrom bezeichnet das trockene Auge in Verbindung mit einer vermehrten ölig-haltigen Lipidschicht des Tränenfilms, der schneller verdunstet.
• Kopfschmerzen rund um die Augen,
• Häufiges Lidzucken und schnelle Ermüdung bei visuellen Aufgaben. Diese Beschwerden können entstehen, wenn die Augen über längere Zeit einen erhöhten Koordinations- und Kompensationsaufwand leisten müssen.
Bei Kindern und Jugendlichen setzen wir den sogenannten „Van-Orden-Stern-Test“ ein. Mit diesem Test wird das Zusammenspiel visueller und motorischer Prozesse abgebildet. Bestehen Auffälligkeiten beim binokularen Sehen, werden diese im Testergebnis deutlich und anschaulich sichtbar.
Ein Kollege formulierte es einmal zugespitzt so: „Damit können wir erkennen, ob ein Kind eher auf die Hauptschule oder das Gymnasium geht.“ Damit ist jedoch nicht die schulische Leistung selbst gemeint, sondern der Einfluss visueller Belastungen auf das Lesen, die Konzentration und die Ausdauer.
Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen ADHS und Störungen der binokularen Augenkoordination. Bei Menschen mit ADHS werden unter anderem Heterophorien und Auffälligkeiten der Vergenz häufiger beobachtet.
Ein erhöhter visueller Kompensationsaufwand zeigt sich im Alltag häufig in Form von innerer Unruhe („Zappelphilipp“), schneller Ermüdung sowie nachlassender Konzentration bei Naharbeit. Beim Lesen kommt es oft zu einem Verrutschen in der Zeile, zu einem stockenden Lesefluss oder zu Schwierigkeiten, die Textzeile zu halten.
Aufmerksamkeitsdefizite beschreibt die eingeschränkte Fähigkeit, über längere Zeit fokussiert zu bleiben
Weicht die Blickrichtung des Begleitauges nach außen ab, spricht man von einer „Exophorie“.
• Typisch sind migräneartige Beschwerden im Hinterkopf, also in dem Bereich, in dem sich auch der visuelle Kortex, das Sehzentrum des Gehirns, befindet.
• Viele Betroffene empfinden das Sehen bei Dunkelheit oder ungünstigen Lichtverhältnissen als deutlich anstrengender und fahren unter diesen Bedingungen nur ungern Auto.
• Ebenfalls häufig zeigt sich bei Wind, Zugluft oder Kälte ein verstärkter Tränenfluss.
Wenn die beiden Augen in vertikaler Blickrichtung unterschiedliche Blickrichtungen anzeigen (Höhenphorie), ist bei Schreibarbeiten typischerweise eine deutlich geneigte Kopfhaltung zu beobachten.
Wird diese Haltung dauerhaft eingenommen, strahlt die daraus resultierende muskuläre Fehlbelastung in angrenzende Bereiche aus und kann zu Verspannungen sowie zu funktionellen Beschwerden im Nacken- und Wirbelsäulenbereich führen.
Bestehen solche Auffälligkeiten, ist es sinnvoll, nicht nur die Sehschärfe zu überprüfen, sondern auch das Zusammenspiel beider Augen gezielt zu überprüfen. Genau hier setzt die MKH an.
Bei dieser Mess- und Korrektionsmethodik nach H.-J. Haase (MKH) wird das beidäugige Sehen präzise untersucht. Bei einer Winkelfehlsichtigkeit werden die erforderlichen Prismenwerte ermittelt.
Ziel ist es, belastende Kompensationsleistungen zu reduzieren, das Sehen zu entlasten und ein stabiles gemeinsames Bild sowie ein verbessertes räumliches Sehen zu ermöglichen.
So erhalten wir zusätzliche Informationen, die eine klassische Sehschärfenbestimmung allein nicht liefern kann.
Unser Ziel ist es, Ihnen entspanntes, stabiles und räumliches Sehen zu ermöglichen, damit Sie Ihren Alltag wieder klarer, sicherer und mit mehr Sehkomfort erleben können.


Kinderoptometrie
Im Folgenden ein Auszug der Schweizer Selbsthilfegruppe:
www.Winkelfehlsichtigkeit.org
„Was ist mit unserem Kind los? Warum leidet es unter Migräne, warum versagt es in der Schule, ist dauernd müde, unkonzentriert und vergesslich? Warum hilft keine Therapie, keine Nachhilfestunden und kein gutes Zureden? Warum erweckt es den Eindruck, als hätte es Sehprobleme (ganz nahes Lesen, Kopfschiefhaltung etc.), obwohl nach Aussage des Augenarztes die Augen in Ordnung sind?
Muss ich mich als Erwachsener mit regelmäßigen Migräneanfällen, gereizten Augen und Müdigkeit abfinden? Warum kann ich am Abend nicht mehr lesen? Warum kostet mich das Lesen soviel Energie? Solche Fragen stellten wir uns immer wieder. Auch Ärzte und Therapeuten wussten nicht weiter, bis wir endlich auf ‚Winkelfehlsichtigkeit‘ stießen. […]

[…] Durch die Korrektion der Augen mit einer einfachen Prismenbrille lösten sich einige Problem wie von selbst, andere konnten mit neuer Energie angegangen werden. Die Lebensqualität der Betroffenen hat sich massiv verbessert und damit die Familiensituation entspannt.“
Winkelfehlsichtigkeit bei Kindern
Das Sehen unserer Urvorfahren war geprägt von verschiedenen Arbeiten im Nahbereich, und einem relativ entspannten Wald-Feld-Wiesenblick. Heute dagegen wird bereits Kindern visuelle Hochleistung abverlangt. Das Verknüpfen einzelner Buchstaben zu Wörtern und das bildhafte Begreifen von abstrakten Vorgängen ist komplex. Vermehrt werden in frühkindlichen Entwicklungsphasen dafür auch digitale Medien eingesetzt. Bei all diesen Aufgaben kommt der visuellen Wahrnehmung eine entscheidende Rolle zu.
Bei Winkelfehlsichtigkeit besitzen die beiden Augen in Ruhestellung unterschiedliche Fixierrichtungen. Das Gehirn setzt aufwendige Kompensationsmechanismen ein, um die Bilder der beiden Einzelaugen zu verschmelzen. Dieser visuelle Stress ist oft der Auslöser für eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (Legasthenie). Bei üblichen Augenglasbestimmungen wird das Thema Winkelfehlsichtigkeit häufig aus Unkenntnis vernachlässigt. Argumentiert wird etwa damit, dass die Augenmuskeln genügend eigene Kraftreserven haben, um diesem Konflikt auf natürliche Weise zu begegnen.
Ein Gedankenspiel: Patrick, ein vierzehnjähriger Junge, spielt mit Freuden Fußball und joggt gerne. Ein Bein ist bei ihm um einen Zentimeter verkürzt. Die unterschiedlichen Beinlängen verursachen eine einseitige Belastung der Wirbelsäule. Der anhaltende Rückenstress wird früher oder später Folgewirkungen zeigen. Ist es bei Patrick nicht am sinnvollsten, ihm eine Schuheinlage anzupassen, die die unterschiedlichen Beinlängen ausgleicht? Gleichartig ist die Argumentation bei Winkelfehlsichtigkeit. Bei deutlichen Auffälligkeiten ist es wirklich sinnvoll, der einseitigen Belastung entgegenzuwirken. Entspanntes Sehen gleicht einer entspannten Wirbelsäule. Zwar kann man lebenslang große Belastungen ausgleichen, doch bestehen Verspannungen oder Blockaden, werden zuerst Auffälligkeiten und später einschränkende Folgewirkungen sichtbar.
Oft signalisiert auch das Schriftbild von Kindern und Jugendlichen visuellen Stress, was im oberen Teil der Schriftprobe (siehe Bild) deutlich wahrnehmbar ist. Das Schriftbild im unteren Teil zeigt, wie der visuelle Stress durch eine prismenkorrigierende Brille entschärft wurde.

WAHRNEHMUNGSTESTS
Verschiedene Wahrnehmungstests geben erste wichtige Erkenntnisse, wie effizient die beiden Augen zusammenarbeiten: Ist die visuelle Wahrnehmung optimal oder besteht Sehstress?
Ein wichtiger ist der „Van Orden Stern“ (VO), ein Zeichentest, bei dem ein sternartiges Muster entsteht. Er zeigt in sehr anschaulicher Weise die Ergebnisse von visueller Wahrnehmung und motorischer Koordination.
Ein erfahrener Oberstudienrat, der sich intensiv mit Winkelfehlsichtigkeit auseinandergesetzt hat, sagte über diesen Test auf einem Kongress: „Anhand des ‚Van Orden Sterns‘ lässt sich schnell erahnen, ob ihr Kind in die Hauptschule oder auf das Gymnasium gehen wird.“
Der VO wird unter Verwendung eines Stereoskops gezeichnet. Dieser trennt die Seheindrücke beider Augen: Das rechte Auge sieht nur die rechte Hälfte der Zeichenvorlage, dementsprechend das linke Auge nur die linke Hälfte. Die Aufgabe besteht darin, zwei gegenüberliegende Symbole, die jeweils nur mit einem Auge erkannt werden, gleichzeitig mit einem Bleistiftstrich zu verbinden. Aus der Sicht des Zeichnenden treffen sich im Idealfall die Striche in der Mitte.
Anhand der Abweichungen lassen sich relativ leicht erste Rückschlüsse auf Eigenheiten des binokularen, also beidäugigen Sehens schließen:
- Besteht überhaupt ein gleichzeitiges beidäugiges Sehen?
- Welches Auge ist dominant?
- Mit welcher Qualität arbeiten die beiden Augen, besonders in den zentralen Bereichen, zusammen?
- Weicht das Begleitauge nach innen ab oder besteht eine Abweichung nach außen?
- Zeigen die Zentren einen vertikalen Versatz? Dies ist ein Hinweis auf einen Höhenunterschied der beiden Augen zueinander.

